Gedanken über einen neuen Arbeitsbegriff

In der Debatte um die Globalisierung geht es unter anderem um die so genannte „80:20-Gesellschaft“. Das bedeutet, dass die weltweite Rationalisierung dazu führen kann, dass mit einer durchschnittlichen Arbeitslosigkeit im Hinblick auf die Gesamtbevölkerung der Erde etwa um das Jahr 2040 von 80% gerechnet werden muss, das heißt, dass nur noch 20% der Menschen einer Erwerbsarbeit nachgehen werden. Vor wenigen Jahren galt das für viele noch als unwahrscheinlich. Wenn wir uns heute jedoch die Arbeitslosenzahlen in Europa anschauen, besonders die Jugendarbeitslosigkeit, dann können wir feststellen, dass selbst hier eine rasante Entwicklung in dieser Richtung eingetreten ist. Spitzenreiter bei der Jugendarbeitslosigkeit (Arbeitnehmer bis 25 Jahre) ist Griechenland mit knapp 60%, dicht gefolgt von Spanien.

Der Ruf nach Wachstum scheint angesichts der Tatsache, dass wir weltweit derzeit doppelt so viel produzieren, als wir verbrauchen können, eine Farce. Ganz abgesehen von den ökologischen Folgen weiteren Wachstums. Die Regierungen und auch viele Oppositionsparteien haben nur eine Antwort, die auf diesem Hintergrund ein Hohn ist: “Arbeitsplätze schaffen“. Manche sagen sogar unverblümt: „Jobs“. Dabei wäre es logischer, nach Einkommensplätzen zu rufen. Dieser Gedanke ist jedoch ungewohnt, da viele Menschen immer noch meinen, ein Einkommensplatz SEI ein Arbeitsplatz. Das ist jedoch falsch, denn derzeit gehen in Deutschland nur etwa 40% der Bürgerinnen und Bürger einer Erwerbsarbeit nach. Die anderen erhalten ihr Einkommen durch staatliche Transferleistungen, von dem Ehepartner oder der Ehepartnerin oder durch andere vermögen.

Sollten diejenigen, die von der kommenden „80:20-Gesellschaft“ reden, auch nur im Ansatz recht haben, dann funktioniert unser heutiger Arbeitsbegriff nicht mehr. Der heutige Arbeitsbegriff suggeriert den meisten Menschen, dass nur derjenige ein Recht auf ein Einkommen hat, der einer (Erwerbs-)Arbeit nachgeht. Seltsamerweise wird das weiter behauptet, obwohl es bereits für die Mehrzahl der in Deutschland lebenden Menschen nicht zutrifft. Und es wird immer absurder, wenn uns die (Erwerbs-)Arbeit weiter ausgeht.

Das höchste Ziel der Politik in dieser Hinsicht gipfelt in dem Streben nach Vollbeschäftigung. Die Frage, wie man heute Vollbeschäftigung definiert, lassen wir einmal beiseite. Theodore Roszak schrieb bereits im Jahr 1978 in seinem Buch „Mensch und Erde – über die kreative Zerstörung der Industriegesellschaft“ in dem Kapitel über „Arbeit – das Recht auf rechten Lebenserwerb“: „Wenn ich höre. Wie Politiker und Gewerkschaften darüber reden, ‚ den Menschen Arbeit zu geben‘, frage ich mich, ob ihnen klar ist, wie wenig damit erreicht wäre. Was bedeutet ‚ Vollbeschäftigung‘ für Menschen wie meinen Vater, deren tägliche Arbeit nur Demütigung und Quälerei ist? Genügt es immer noch, einfach zu zählen, wie viele Menschen Arbeit haben, ohne danach zu fragen, ob sie auf ihre Arbeit auch stolz sein können? Wann werden wir wohl anfangen, nicht mehr nur quantitativ nach den Beschäftigungsverhältnissen zu fragen, sondern auch qualitativ? Anders gefragt, wann werden wir anfangen, Menschen nicht mehr als statistische Einheiten zu betrachten, sondern als Personen?“
Zählen wir alle Arbeitslosen zusammen, rechnen zum Beispiel prekär Beschäftigte und Hartz IV-Aufstocker mit hinzu, dann haben wir in Deutschland etwa gut 10 Millionen Arbeitslose.

In meiner Zeit im Bundestag empfing ich des Öfteren Schulklassen. Ich hatte mir je nach Thema selber Fragen zurecht gelegt, die ich den jungen Leuten stellte, bevor sie ihre Fragen stellen konnten. So stellte ich die Frage:“Stellt Euch einmal eine Gesellschaft vor, in der 95%der Menschen meinen, man arbeite für Geld“. Die spontane Antwort war IMMER: „Das wäre ja schrecklich. Nur wenige Sekunden später reifte dann jedoch die Erkenntnis: „Aber das ist ja so!“. Und wir begannen zu überlegen, welche anderen Motive es außer Geld für die Arbeit gab: Stolz auf etwas sein können. Sich gebraucht fühlen. Durch die Arbeit mit anderen in Kontakt treten. Sich abends im Spiegel anschauen können, weil man etwas geleistet hat. Usw.

Den Schülerinnen und Schülern war also von vorneherein klar, dass es bei der Arbeit zunächst nicht um das Geldverdienen ging, sondern darum, verantwortlich zu handeln. Arbeit ist das Wertvollste, was wir anderen zur Verfügung stellen und im Prinzip arbeiten wir fast immer für andere. Geld ist weniger die Folge von Arbeit, als dessen Voraussetzung.

Angesichts der weltweiten Rationalisierung müssen wir beginnen, Arbeit und Einkommen getrennt zu denken. Das ist nicht ideologisch, sondern die sachgemäße Reaktion auf eine welthistorische Entwicklung. Meine 90-jährige Mutter begreift das: „Ich habe doch mein Leben lang so hart gearbeitet, damit ihr nicht mehr so viel arbeiten müsst“.

Hier ist nicht genügend Raum, um eine ausführliche Darstellung dieses kommenden Wandels zu bieten, sondern nur Denkansätze. Und selbstverständlich gibt es beharrende Kräfte, die versuchen, einen solchen notwendigen Wandel auszubremsen. Angesichts der europäischen und noch mehr weltweiten Entwicklung auf den Arbeitsmärkten brauchen wir Lösungen, die in ihrer Konsequenz und Gestaltung der größe der Probleme angemessen ist. Kosmetik reicht nicht, sondern bedeutet für viele das Hineinrutschen in die Katastrophe: die Armut. Auch die Folgen der zunehmenden weltweiten Armut kennen wir: alle 4 Sekunden stirbt ein Kind auf der Welt an Hunger. Wie hilflos nimmt sich da der Ruf nach Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen aus! Warum gibt man den Menschen nicht durch ein Einkommen die Möglichkeit, sich diese Arbeitsplätze selbst zu schaffen?

In vielerlei Hinsicht sind die Rechte des Einzelnen heute bedroht. Es brauchte nicht erst die NSA-Affäre, um das deutlich zu machen, denn diese Affäre ist nur ein Symptom tiefer liegender Entwicklungen. Das Recht auf ein Einkommen und damit eine Aufwertung des Arbeitsbegriffs gibt allen ein Stück Autonomie, Selbstermächtigung zurück. Ermächtigung, mit dem Wertvollsten, was er hat, seiner Arbeit in verschiedener Hinsicht, verantwortungsvoll und bewusst umzugehen und nicht nur deshalb zu arbeiten, weil man sonst nichts mehr zu essen hat.

Wir Grünen sind vor 35 Jahren mit einer großen Vision angetreten und haben dafür lange Zeit mächtig Prügel einstecken müssen: der ökologischen Idee. Diese Idee muss immer weiter entwickelt werden, bis in Wirtschaftsprozesse hinein. Beim Thema „erneuerbare Energien“ sind wir als Grüne immer noch Vorreiter und werden das auch weiter bleiben. In der Gegenwart klopft aber auch die soziale Frage wieder an die Tür. Und wenn wir als Grüne nicht eine sozialpolitische Vision entwickeln, die einem neuen Arbeitsbegriff das Wort spricht, dann werden wir auf Dauer die Wählerinnen und Wähler nicht davon überzeugen können, uns verstärkt wieder zu wählen. Der neue Arbeitsbegriff und die Ausgestaltung einer solidarischen Marktwirtschaft sind der eine Punkt, den wir angehen müssen. Das andere ist eine damit im inneren Zusammenhang stehende General-Steuerreform, die gesamtgesellschaftlich gedacht ist.

Ein Modul dieser Steuerreform ist das Recht auf ein Einkommen. Das Wort vom „Recht auf Arbeit“ hat sich längst durch die Tatsachen widerlegt. Es kann auch sowieso kein „Recht auf eine Pflicht“ geben. Ein neuer, zu einer Selbstermächtigung der Bürgerinnen und Bürger führender Arbeitsbegriff, das Recht auf ein Einkommen und eine Steuerreform, die transparent und vereinfacht Arbeitsprozesse wieder ermöglicht statt sie zu verhindern sind drei Module einer neuen Grünen Vision. Eine Debatte, gern auch im Sinne einer „neuen Politikstils“ parteiübergreifend, möchte dieser kleine Essay mit anstoßen.

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Ein Kommentar

  1. Bjuel sagt:

    …ein guter Artikel! fast alles kann ich unterschreiben- auch bin ich keine -gruene De-erin, war mal gruene Nl-erin…! Es osllte also parei-uebergreifend gereglt werden, aber wie-ist doch die grosse Frage? Durch Bewusstmachungsinitiativen vielleicht, in ernst zu nehmenden Medien? Oertlichen Gemeindeblaettern? mit Hinweis auf, betr.: Erhalt und Herstell der durch uns Menschen schon fast zerstoerten Erde und mishandelten Kraturen?!

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