Bericht einer Reise in die Republik Südafrika

BILD0437-webWährend in Deutschland mit der Entscheidung der Universität Düsseldorf die Debatte um Doktortitel und Rücktritt tobte, befand ich mich mit der ehemaligen Bildungsministerin Schavan auf einer Delegationsreise im 9500 km weit entfernten Südafrika. Der fünftägige Besuch fand im Rahmen des „Deutsch-Südafrikanischen Jahres der Wissenschaften 2012/13“ statt.

Ziel war der Ausbau der Forschungs- und Bildungszusammenarbeit sowie der Erfahrungsaustausch mit Akteuren der beruflichen Aus- und Weiterbildung sowie Besichtigungen von Ausbildungsstätten, wie z. B. des Builders Training Centers der Deutschen Außenhandelskammer, das ein Modellprogramm für die aus Deutschland importierte Duale Ausbildung darstellt.

Mitgereist waren unter anderem der Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin Prof. Dr. Olbertz und Dr. Esser, stellvertretender Direktor des Forschungsinstituts für Berufsbildung im Handwerk (FBH) an der Universität zu Köln. Die Reisetage waren von morgens bis abends durchgetaktet, ohne Pausen und mit kaum einer kurzen Gelegenheit, die vorgeschriebenen Wege zu verlassen.

Leider hat die südafrikanische Regierung vor einigen Monaten die Finanzierung im Bereich Duale Ausbildung gestrichen. Obwohl die Missstände eklatant sind, soll die Privatwirtschaft den Ausbau nun allein vorantreiben. Die Arbeitslosenquote liegt in Südafrika bei 26 %, etwa die Hälfte der Menschen zwischen 18 und 24 Jahren sind ohne Arbeit. Es herrscht akuter Fachkräftemangel und die Unternehmen finden wenig ausreichend qualifizierte Menschen. Von der Bildungspartnerschaft kann bisher nur eine kleine Elite profitieren. Die Probleme fangen viel früher an: Schulbildung ist nicht selbstverständlich. In einer Region Südafrikas gibt es sogar 30% Analphabeten unter den Lehrer_innen.

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In Johannesburg besuchten wir eine Bildungseinrichtung namens FESTA, in der jungen Südafrikaner_innen eine Grundbildung für eine spätere Berufsausbildung vermittelt wurde.

Die Fähigkeit dieser Einrichtung und ihrer Mitarbeiter_innen, auf die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten der Schüler_innen einzugehen, ist bewundernswert.

Doch die Welt ist widersprüchlich und vielschichtig. So besuchten wir eine Reihe von Unternehmen mit deutschen Mutterfirmen, so z. B. eine Firma, die sich auf die Konstruktion und Fertigung von Robotern spezialisiert hat, eine Aluminiumfirma, die u. a. Bauteile von Flugzeugen produziert, ein Laserzentrum sowie die Firma ATLANTIS FOUNDATION nördlich von Kapstadt, in der ein Großteil der Mercedes-Motorblöcke vom 4-Zylinder- bis zum 12-Zylindermotor gefertigt werden. Diese Unternehmen bilden ihren Nachwuchs selbst aus, bis hin zum Ingenieur oder zur Ingenieurin. Südafrika ist auf diese sehr spezialisierten Ausbildungen angesichts der Armut und der zu einem großen Teil immer noch fehlenden Infrastruktur angewiesen. Die jungen Auszubildenden kommen zu einem großen Teil aus sehr armen Verhältnissen und es ist eine der ganz wenigen Chancen für sie, einen Beruf zu finden, mit dem sie ihren Lebensunterhalt verdienen können.

DIGITAL CAMERAIn einer von uns besuchten Einrichtung in Johannesburg (Soweto) wurde Bewohner_innen von Soweto gezeigt, wie sie ihre Hütten aus Stein erbauen können, wie man sanitäre Einrichtungen baut und wie Elektroleitungen verlegt werden. Die Begeisterung bei den „Lehrlingen“ war groß.
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Weiter besuchten wir eine Schule für grundlegende und höhere Mathematik und Naturwissenschaften in Johannesburg und in Kapstadt die dortige Universität, wo Gespräche mit Dozent_innen geführt und Ansprachen gehalten wurden. Leider begegneten wir dort nur auf den Fluren den Student_innen, mit denen ich gern auch gesprochen hätte. Für den, der sich mit der Historie Südafrikas auskennt, war es ein Erlebnis, in Kapstadt die Kirche von Bischof Tutu zu sehen (unser Hotel lag direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite), und in Johannesburg das Gericht, in dem Nelson Mandela verurteilt und dann viele Jahre später freigesprochen wurde. Die vielen Eindrücke, die mir auch in den wenigen persönlichen Gesprächen mit Südafrikaner_innen vermittelt wurden, kann ich in diesem kurzen Bericht nicht annähernd beschreiben. Ich bin aber sehr dankbar dafür, dass ich das erleben durfte und danke auf diesem Wege ganz herzlich den Menschen, mit denen ich dort Gespräche führen konnte. Manche Kontakte werde ich aufrecht erhalten und Post ist auch bereits unterwegs.

Die deutschen Unternehmen leisten im Bereich der beruflichen Bildung zwar einen großen Beitrag, doch die weit verbreitete Armut, unter der Millionen Menschen leiden, ist das wesentlich größere Problem. Ich hatte die Gelegenheit mit einigen Südafrikaner_innen ins Gespräch zu kommen und fragte sie nach Ihrer Kultur und deren Wurzeln, die ja bereits durch die Burenherrschaft stark beeinträchtigt oder ganz unterdrückt wurden. Es zeigte sich, dass die Befragten sehr dankbar waren, eine solche Frage gestellt zu bekommen, weil sich sehr selten jemand dafür interessiert. Sie erzählten, dass die Entwicklung der modernen Industriegesellschaft in Südafrika natürlich für die alte afrikanische Kultur eine echte Herausforderung sei, auch für den individuellen Menschen. Nur wenige junge Menschen erlernen einen Beruf. Und die Ausbildungen sind genau auf spätere Berufe zugeschnitten, Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt steht im Vordergrund. Das Schulsystem selber ist von einer „Bildung als Menschenbildung“ unter Einbeziehung ethnisch-kultureller Gesichtspunkte noch weit entfernt.

In Johannesburg besuchten wir dann in der Innenstadt eine sehr beeindruckende Ausstellung von Straßenkünstler_innen. Das Ende der Reise führte uns dann in die townships und wir erhielten einen ausführlichen Bericht der Hilfsorganisation HELP, die sich mitten in den Armenvierteln Kapstadts um die Grundbedürfnisse der Armen und deren medizinische Versorgung bemüht. HELP arbeitet unter anderem mit „Ärzte ohne Grenzen“ zusammen. Unfassbar, mit welch geringen Mitteln die Helfer_innen dort arbeiten müssen und was sie, ganz im Gegensatz dazu, an Großartigem leisten!

Ich hoffe, in der Zukunft einige Begegnungen in das schöne Land Südafrika vertiefen zu können. Ein Anfang ist gemacht.

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