Brennpunkt Berufsanerkennung

Mit dem Inkrafttreten des Bundesanerkennungsgesetzes vom April 2012 gibt es einen Rechtsanspruch auf Zugang zum sog. Gleichwertigkeitsfeststellungsverfahren von im Ausland erworbenen beruflichen Qualifikationen für Berufe die bundesrechtlich geregelt sind – unabhängig vom Aufenthaltsstatus oder der Staatsangehörigkeit der Antragsstellenden. Das bedeutet aber noch nicht, dass diese Regelung für alle Berufe gilt. Denn erst mit Anpassung der landesrechtlichen Regelungen kann es zu einer Vereinheitlichung und beispielsweise einer Einbeziehung von Lehrkräften, Erzieher_innen und Ingenieur_innen kommen.

Das Anerkennungsverfahren sieht folgenden Ablauf vor: Antragsprüfung, Feststellung der vollen Gleichwertigkeit der ausländischen Qualifikation mit dem deutschen Referenzberuf, oder die Feststellung einer Teilanerkennung, auf die dann im besten Fall die Nachqualifizierung folgt. Für die Nachqualifizierung werden zunehmend Anpassungslehrgänge und Sprachkurse aufgebaut. Die Finanzierungsfrage stellt jedoch für viele Betroffenen eine unüberwindliche Hürde dar. Ein anderes Dilemma versteckt sich hinter dem Paragraphendschungel. Es geht um die Frage eines partiellen Zugangs zu deutschen Berufsbildern, eine Frage, die längst hätte aufkommen müssen, die aber in den Debatten in den Hintergrund gerutscht war, vielleicht bewusst. Ich möchte sie wieder aufgreifen.

Deutlicher wird es am Beispiel der Erzieher_in: Die Kommunen stehen mit dem Rechtsanspruch auf einen KiTaplatz ab August 2013 nicht nur vor finanziellen Herausforderungen, sondern auch vor einem Mangel an Erzieher_innen. Die Anerkennung der Qualifizierung hier lebendender und im Ausland ausgebildeten Erzieher_innen würde helfen, diese Situation zu bewältigen und den Menschen gleichzeitig die Perspektive geben, in ihrem gelernten Beruf arbeiten zu dürfen. Bei uns umfasst die Erzieher_innenausbildung die Betreuung und Förderung von Kindern und Jugendlichen von der Geburt bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres. Eine Erzieherin, die beispielhaft in Russland ihre Ausbildung absolviert hat, lebt in Deutschland und möchte hier in ihrem gelernten Beruf als Erzieherin in einer KiTa arbeiten. Da die Ausbildung in der Russischen Föderation aber nur auf den KiTabereich ausgerichtet ist (wie in den meisten Ländern), fehlt ihr die Komponente Jugendliche und sie müsste bevor sie als Erzieherin in einer KiTa arbeiten könnte einen zweijährigen Anpassungslehrgang absolvieren.

Unser System ist blind für individuelle Lösungen, selbst zu Zeiten des Fachkräftemangels. Wir brauchen Erzieher*innen jetzt (und zunehmend ab Sommer 2013) und nicht erst in einigen Jahren. Warum können wir nicht sagen, ihre Ausbildung für 0 – 6 jährige hat einen Stellenwert für sich? Leider sind wir in Deutschland noch weit davon entfernt anzuerkennen, dass die mitgebrachte Ausbildung auch für sich stehen kann. Wir suchen in erster Linie nach Vergleichbarkeit und lassen uns dabei vom Wesentlichen ablenken. Wir könnten unsere Qualitätsstandards halten und gleichzeitig mit einem partiellen Zugang zu bestimmten Berufsfeldern Qualifizierten effektiv den Berufseinstieg erleichtern. Dann muss die Frage aber nicht lauten: ist die Ausbildung der russischen Erzieherin eins zu eins vergleichbar mit der deutschen Ausbildung, sondern: ab wann ist jemand befähigt eine gute Erzieher_in in einer Kindestagesstätte zu sein? Wenn wir Anerkennung so herum denken, kann eine Anerkennungskultur daraus erwachsen. Denn dann denken wir vom Menschen her und nicht vom System. Dieses Beispiel gibt Einblick in eine von vielen Problemdimensionen die mit der Anerkennung verbunden sind und hoffentlich etwas Stoff zum Nachdenken.

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